Augenblicke in der Geschichte Taiwans
Gerade einmal vier Jahrhunderte währt die Geschichte Taiwans. Was weiter zurückliegt zählt zur Vor- und Frühgeschichte. Diese 400 Jahre haben es jedoch in sich, denn sie stecken voller dramatischer Ereignisse. Kaum eines von diesen ist in Deutschland allgemein bekannt, und viele kennen sogar die meisten Taiwaner nicht. An solche Ereignisse in der Geschichte Taiwans sollen regelmäßige Notizen erinnern, ohne jede Systematik allerdings.
Teil 5 – Asiens erste Republik
Am 17. April 1895 wurde nach dem für China verheerenden Chinesisch-Japanischen Krieg in Shimonoseki ein Friedensvertrag unterzeichnet. Unter anderem sah er Abtretung Taiwans an Japan vor. Am 19. April unterrichtete das chinesische Außenamt, der Tsung-li ya-men, den Mandschu-Gouverneur auf Taiwan, T'ang Ching-sung, hiervon.
Von interessierter Seite, wahrscheinlich Kaufleuten aus dem Westen, waren Gerüchte über diese Abtretung auf Taiwan bereits am 18. April verbreitet worden. Schnell wurde von unbekannter Hand, doch unterzeichnet mit "das ganze Volk von Taiwan", noch am gleichen Tag eine Proklamation gegen die "japanischen Zwerge", wie China die japanischen Gegenüber am Ostmeer seit dem Altertum verachtungsvoll genannt hatte, verbreitet.
Am 8. Mai wurde der Vertrag von Shimonoseki ratifiziert und trat damit in Kraft. In der Zwischenzeit ging es auf Taiwan hoch her: Ch'iu Feng-chia, ein herausragender Vertreter der taiwanischen Gentry, der auch als Gelehrter und Literat einen Namen hatte, organisierte - zunächst in Zusammenarbeit mit Gouverneur T'ang – Widerstand gegen die Übernahme der Insel durch Japan. Der Mob nutzte die Situation und plünderte, die öffentliche Ordnung war bedroht.
Auch mit den Ausländern auf Taiwan berieten sich die Widerständler, darunter dem deutschen Konsul C. Merz. Mehrere Kriegsschiffe, darunter zwei deutsche, kreuzten vor den Küsten auf: Europa hatte Taiwan schon lange für sich wiederentdeckt
Nach einer Voraberklärung vom 16. Mai, die aus nur 16 Schriftzeichen bestand, war es am 23. Mai so weit: Die "Republik Taiwan", T'ai-wan min-chu kuo, wurde ausgerufen, als unabhängiger Staat, der allerdings die Souveränität der Mandschu-Kaiser respektieren wollte. Das war, wie man sich in manchen Kreisen auf Taiwan in den 1990er Jahren stolz erinnerte, Asiens erste Republik.
T'ang Ching-sung wurde ihr erster Präsident. Er bittet, die kaiserlichen Beamten, bei ihm zu bleiben – bei doppeltem Gehalt. Die meisten kehren trotzdem auf das Festland zurück, und schon nach zwölf Tagen folgt ihnen T'ang. Damit ist die junge Republik schon am Ende. Die westlichen Mächte hatten sich nicht zu ihrer Unterstützung bereitgefunden, und niemand hatte sie anerkannt. Am 21. Oktober fand sie dann auch drastisch ihr Ende: Tainan im Süden, wo sich ihre letzten Kämpfer verschanzt hatten, wurde durch die Japaner eingenommen.
Manche Historiker sehen diese Republikgründung als ein etwas undurchsichtiges, jedenfalls abgekartetes Spiel an. Für ein begründetes Urteil sind noch zu wenige Dokumente bekannt. Desungeachtet, diese Republik hatte es schon zu einem Präsidentensiegel, einer Nationalflagge mit dem Tiger als Symboltier, eigenen Briefmarken und Geldscheinen gebracht. Das erfordert einige Vorbereitung. Außerdem proklamierte die Republik für sich eine eigene Jahreszählung, die mit dem nächsten Jahr beginnen sollte.
Yung-ch'ing sollten diese nächsten Jahre genannt werden, und diese Devise hatte es in ihrer Mehrdeutigkeit in sich. Das konnte "Ewige Ch'ing" bedeuten, also den Mandschukaisern auf dem Festland dauerhaften Erfolg wünschen, konnte aber auch als "Ewige Klarheit" verstanden werden – von da an, in der Unabhängigkeit.
Prof. Dr. Hans Stumpfeldt
Aus der Geschichte der "Bambusrunde"
Selten läßt sich die Geschichte eines kleinen Vereins wie der "Bambusrunde" rekonstruieren, denn deren Dokumentation von Anfang an erscheint selten als aufschlußreich oder gar notwendig. Dabei sind viele Ereignisse in der Vereinsgeschichte durchaus der Erinnerung wert, auch die Persönlichkeiten, welche die Vereinsgeschichte prägten. Auf irgendeine Weise spiegeln sich in ihnen stets auch die allgemeinen Entwicklungen in Politik und Gesellschaft. Ungeordnete Notizen zu Einzelheiten aus den vierzig Jahren der "Bambusrunde" sollen deren Mitglieder zu eigenen Erinnerungen anregen.
Teil 5 – Erdbebenhilfe vor zehn Jahren
Eigentlich ist das ein Wunder, daß Meldungen über Naturkatastrophen auf Taiwan nicht alljährlich auch ferne Menschen erschüttern. Die Insel liegt in einer der aktivsten Erdbebenzonen der Welt, und die Gewalt der Taifune dort ist sprichwörtlich. Die Unberechenbarkeit der Wirbelwinde wird noch durch die ansonsten grandiose Bergwelt von Osttaiwan verstärkt. Mehrmals jährlich treffen sie auf die Insel.
Jahrhundertelange Erfahrung im Umgang mit solchen Naturgewalten und moderne Technik bewirken oft, daß deren Auswirkungen begrenzt werden können. Aber in Bergwelten läßt sich nicht alles vorhersehen, denn niemand kann ahnen, was in deren Untergründen vorgeht. So waren jetzt, in den ersten Augusttagen 2009, vor allem Bergregionen von dem Taifun "Morakot" betroffen. Unter anderem schwemmte das sonst eher unscheinbare Flüßchen Taimali 51 Häuser in den Pazifischen Ozean. In früheren Jahrhunderten bewirkten solche Taifune oft, daß die Trampelpfade in den Bergen zu reißenden Bächen wurden. Manchmal dauerte es dann vier Wochen, bis eine Nachricht von Tainan im Süden bis zum nördlichen Taipei gelangte.
Vor genau zehn Jahren hatte ein gewaltiges Erdbeben Taiwan erschüttert und aberhundert Menschen getötet und noch mehr obdachlos werden lassen. Damals entschloß sich die "Bambusrunde" zu einer großangelegten Hilfsaktion, die auch einen Spendenaufruf einschloß. Die Bambusrunde veranstaltete ein Benefizkonzert, eine Operngala, für die Erdbebenopfer – mit dem Hamburger Mozart-Orchester und Sängern aus der Hamburger Staatsoper. Damals war der Jurist Prof. Dr. Matthias K. Scheer Vorsitzender der Bambusrunde. Er wird über noch genauere Erinnerungen an dieses bewegende Ereignis verfügen.
Materielle Hilfe ist nicht das Wichtigste bei einer solchen Katastrophe, wie damals und jetzt. Durch die Folgen des Taifuns jetzt wird das ohnehin rückläufige Bruttoinlandsprodukt Taiwans noch zusätzlich um ein, zwei Prozentstellen hinter dem Komma zunehmen, doch Staat, Wirtschaft und Bevölkerung sind gerüstet, mit den ökonomischen Auswirkungen umgehen zu können. Finanzielle Hilfe aus der Ferne soll vor allem zeigen, daß Taiwan – auch bei anderen Problemen – zumindest auf moralischem Beistand zählen kann. Solchen hat die Inselrepublik in den letzten Jahrzehnten öfter vermissen müssen, und so wurde das Benefizkonzert am 7. November 1999 dort erfreut wahrgenommen.
Von dem Taifun "Morakot" wurde vor allem das Gebiet des Kreises Kaohsiung betroffen, und diese Stadt ist dem Hamburger Hafen partnerschaftlich verbunden. – Übrigens, Taifun ist eines der wenigen Lehnwörter chinesischen Ursprungs in der deutschen Sprache. Es geht auf das chinesische t'ai-feng/ t'ai-fungzurück, das "großer Sturm" bedeutet.
Prof. Dr. Hans Stumpfeldt